News
17:56

Berufsbegleitende Weiterbildung

zur feministischen Selbstbehauptung- und Selbstverteidigungstrainerinmehr


15:21

Unser Jahresbericht ist online!

Der Jahresbericht 2016 von unserem Bundesfachverband ist online und kann gelesen werden.mehr


12:08

Erste repräsentative Untersuchung zur Situation geflüchteter Frauen in Deutschland

Unter der Projektleitung von PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak und Dr. Christine Kurmeyer wurden in verschieden Bundesländern (Berlin, Frankfurt, Mainz, Nürnberg und Rostock) geflüchtete Frauen u.a. nach ihrem Fluchtgrund und...mehr


11:59

Bericht zur Kriminalstatistik 2016 veröffentlicht

Die Ergebnisse der neuesten bundesweiten Polizeilichen Kriminalstatistik 2016 liegen vor. Die Zahlen der Statistiken u.a. wieder zu den Themen sexueller Missbrauch von Kindern, Kindesmisshandlung, Tatmittel Internet und...mehr


13:30

Dokumentation "Cyberstalking entgegentreten"

Das Frauenzentrum Frieda e.V. hat eine sehr informative Broschüre zum Thema Cyberstalking veröffentlicht. Anlässlich der Fachtagung im Mai 2016 in Berlin wurden aktuelle Herausforderungen in der Beratung für Frauen* diskutiert...mehr


13:04

Aktuelle europaweite Umfrage zu Einstellungen zur geschlechtsspezifischen Gewalt veröffentlicht

Die europäische Kommission hat Expert_innen beauftragt, Befragungen zu den Einstellungen zur Gewalt gegen Frauen in der gesamten EU zu konzipieren. Die Befragung untersucht dabei verschiedene Bereiche: - Wahrnehmung der...mehr


Stellungnahme des Bundesfachverbande Feministische Selbstbehauptung und Selbstverteidigung e.V.

 

Zu den gewalttätigen Übergriffen gegen Frauen* in der Silvesternacht 2015/2016 und zur medialen Berichterstattung darüber

Der Bundesfachverband Feministische Selbstbehauptung und Selbstverteidigung e.V. (BV FeSt e.V.) wurde 2002 als Zusammenschluss von Einzelpersonen, lokalen Initiativen, Regionalgruppen und Vereinen gegründet. Der BV FeSt e.V. verfolt das Ziel einer tatsächlichen Gleichberechtigung von Frauen* und Männern* sowie aller gesellschaftlich benachteiligten Menschen und Gruppierungen. Mit einer feministischen Grundhaltung sieht der Verband das gesellschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern als ursächlich für die Entstehung von (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*. Die Aktivitäten des Verbandes richten sich in parteilicher Grundhaltung für Frauen* und Mädchen* aus auf einen gesellschaftlichen Wandel und einen Abbau von Ungleichheit durch die Entwicklung und Förderung gewaltpräventiver Konzepte, insbesondere WenDo und "Jede kann sich wehren".

Entsprechend wurden auf unserer Jahreshauptversammlung Ende Januar 2016 auch die gwalttätigen Übergriffe der Silvesternacht im öffentlichen Raum in Köln, Hamburg und Stuttgart sowie die Berichterstattung darüber thematisiert.

Wir sind solidarisch mit den Frauen*, die (sexualisierte) Gewalt an Silvester durchleben mussten. Damit meinen wir alle Frauen*, denn wir gehen davon aus, dass sexualisierte Gewalt in dieser Nacht nicht nur auf öffentlichen Plätzen, sondern auch im Privaten stattgefunden hat. Wir sind auch solidarisch mit den Frauen*, die diese Gewalt öffentlich sichtbar gemacht haben. Sie verhindern dadurch ein Darüberhinwegsehen und eine Tabuisierung dieser Gewalt. Sie bestärken andere Frauen* darin, sich gegen sexualisierte Gewalt zur Wehr zu setzen. Zu Erfahren, nicht die Einzige zu sein, macht das Reden über die erlebte Gewalt oft leichter.

Dabei verurteilen wir die öffentliche Debatte, die mittlerweile geführt wird. Das Thema Gewalt gegen Frauen* wird nur am Rande und sehr oberflächlich aufgegriffen.. Stattdessen wird gegen Frauen* gerichtete Gewalt instrumentalisiert, um Asylrechtsverschärfungen politisch und gesellschaftlich durchzusetzen und um rassistische Positionen gegen Geflüchtete zu stärken.

Auch geht es in den Debatten wenn dann eher „über“ die Frauen* als „um“ die Selbstbestimmung der Frauen*. Wir teilen die Irritation darüber, offensichtlich verpasst zu haben, in einem Land zu leben, in dem Frauen* gleichberechtigt und würdevoll leben, sowie (sexualisierte) Übergriffe und Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* zum Aufschrei führen und geahndet werden.

Die Erfahrungen in unserer Arbeit, Angebote feministischer Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse für Frauen* und Mädchen*, sehen anders aus: Frauen* und Mädchen* werden (sexualisierte) Übergriffe und Gewalt nicht geglaubt oder ihre Wahrnehmung wird negiert mit Sätzen wie „das ist nicht so schlimm“, „der meint das nicht so“. Sie werden selbst dafür verantwortlich gemacht mit Sprüchen wie, „du bist ja auch exotisch“ oder „dann zieh dich eben anders an“. Sexuelle Belästigung kann oftmals nicht zur Anzeige gebracht werden, weil weder Strafgesetzbuch noch die Verantwortlichen dies zulassen. Angezeigte Vergewaltigungen werden nicht beziehungsweise nicht angemessen verurteilt.

Aber: Wir erfahren auch die vielen Situationen, in denen sich Frauen* und Mädchen* erfolgreich zur Wehr setzen (konnten): in "ganz normalen" nervigen Alltagssituationen, übergriffigen Situationen und auch gegen (sexualisierte) Gewalt. Und das in vielfältiger Weise, weil das Sich-Erwehren sehr verschieden sein kann. Eine Debatte über den Nutzen und die Notwendigkeit von Selbstverteidigung ist gut, sollte aber wünschenswerterweise in Kenntnis der sehr unterschiedlichen Ansätze und Angebote geführt werden. Sie sollte Frauen* nicht vermitteln, dass ein sich wehren eine Situation automatisch noch schlimmer machen wird. In den bestehenden Debatten geht es oft hauptsächlich um die bloße körperliche Verteidigung und diese wird dann auch gerne mal mit dem Verwenden von Waffen gleichgesetzt. Dabei wird vernachlässigt, dass es an erster Stelle darum geht, Frauen* zu vermitteln, dass sie sich wehren dürfen und die Gewalt, die sie erleben, nicht als solche hinnehmen müssen.

Selbstverständlich liegt die Verantwortung für die Beendigung von (sexualisierter) Gewalt nicht bei den Betroffenen. Im Umkehrschluss aber Frauen* die Fähigkeit und den Willen selbstständig zu sein abzusprechen, spielt vor allem Tätern in die Hand. Hilfreich ist das nicht.

Jede 7. Frau erlebt im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt. Women* of color, behinderte Frauen* und Transgender sind sehr viel häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen: In einer Gesellschaft in der demnach eine recht große Wahrscheinlichkeit besteht, von Gewalt betroffen zu sein, bei einem lückenhaften Strafrecht von Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungs (-kursen) abzuraten oder dies als gefährlich zu bezeichnen, bedeutet: Frauen* sollen wehrlos gegen sexualisierte Gewalt sein und bleiben. Es sei denn sie werden beschützt.

Wir weisen Berichterstattungen zurück, die immer wieder auf zu schützende, wehrlose Frauen* fokussieren. Etwas das besonders perfide daherkommt, wenn sie als „unsere Frauen*“ benannt werden und damit in scheinbar gut meinendem Kontext zu Besitz degradiert werden. Diese Formulierung verdeckt überdies die oft gegen women of color gerichtete rassistisch-sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft. Natürlich haben Frauen* das Recht, vor (sexualisierter) Gewalt geschützt zu werden – oder genauer gesagt: ohne sexualisierte Gewalt zu leben - in Wohnungen, auf der Straße, überall. Verhaltenstipps für Frauen* – möglichst einschränkende – sind dabei empörend. Nein, Frauen* müssen nichts tun. Aber sie können und dürfen.

Andere Forderungen werden wieder laut: Männer müssen aktiv werden. Es wird Selbstreflexion von diesen gefordert. Welches Rollenbild als Mann lebe ich vor? Wir finden Kinder- und Jugendarbeit wichtig, die antisexistische Arbeit mit Jungen einbezieht. Seit vielen Jahren eine super Idee! Doch leider findet sich kaum ein solches Angebot.

Und nun soll sich nach jahrelangen Forderungen von Frauen nach einer Reformierung des Vergewaltigungsparagraphen und nach Beendigung von sexualisierter Gewalt endlich etwas ändern? Wir sind gespannt, welche Schritte insbesondere von staatlicher Seite vorgenommen werden und ob sich diese auf die Lebensrealität aller Frauen* beziehen wird.

Und bis dahin gehen wir weiter. In unserem Alltag – dazu braucht es kein Köln.

Gehen wir doch – selbstverständlich wo, wie, wann, warum – überall hin.

Beenden – die Bevormundung des Partners.

Stoppen – den anzüglichen Nachbarn.

Verteidigen uns – gegen den (sexualisierten) gewalttätigen Angriff des Ex – Partners.

Unterstützen – die Kollegin, die sich gegen den übergriffigen Chef wehrt.

Holen Hilfe – weil es zusammen leichter geht.

Das klingt viel – ja, kann es sein. Aber wie alles beginnt auch dies mit einem ersten

kleinen Schritt, bis dann der nächste möglich ist.

 

Feministische Selbstbehauptung/Selbstverteidigung versteht sich als ein Baustein gegen sexualisierte Gewalt. Ein Baustein für das hier und heute. Für einzelne und Gruppen. Bis zur Reform des Strafrechts, bis zur ausreichenden Ausstattung der feministischen Antigewaltprojekte, bis Männer* Verantwortung übernehmen, bis zum Erreichen einer gerechteren Gesellschaft.

 

März 2016